ANGSTFUTTER 3

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Anthologie

Angstfutter 3

Erscheinungstermin: 18.01.2017
eBook-ISBN: 978-3-944734-05-7
eBook-Preis: 4,99 €

Inhaltsbeschreibung:
Dieses eBook beinhaltet die 20 besten Einsendungen des Kölner Junge Autoren Award 2016, der im Rahmen der Crime Cologne vergeben wird.
Natürlich sind auch die drei Siegertitel enthalten:

Unser Platz 1: „Vergeltung“
Lea Hartmanns zeichnet kein außergewöhnliches Leben, sondern eines was alltäglich, ja nahezu banal ist in seinem Bestreben nach ein bisschen Glück. Doch gerade das Unspektakuläre lässt uns tief eintauchen in das Empfinden einer Frau, die vieles bereut, die sich selbst die Schuld gibt an der Entführung ihrer Tochter und die glaubt, durch einen Moment der Unaufmerksamkeit ihr nahezu perfektes Leben zerstört zu haben. Der Schmerz über den gewaltsamen Verlust des Kindes sitzt tief.

Unser Platz 2: „Totenlied“
Auf einem Musikfestival wird eine junge Frau ermordet. Sechzehn Messerstiche. Scheinbar kein Motiv. Kommissar Moers kämpft sich durch den Morast auf dem Festival Gelände und durch den weitaus schlimmeren aus Wahrheiten und Lügen. Er sieht sich konfrontiert mit allen menschlichen Reaktionen und Abgründen, die sich auftun, wenn eine junge Frau durch Gewalt ums Leben kommt: Angehörige reagieren über und behindern die Arbeit der Polizei, Zeugen verdrehen die Fakten, Freunde beschuldigen sich gegenseitig und die Medien stürzen sich auf das Geschehen, wie eine blutrünstige Meute. So klingt das „Totenlied“ von Jana Waldorf.

Unser Platz 3: „Kamillenstraße Nr. 13 oder warum Robert ein Bad in der Waschmaschine nahm“
„Als sie die Waschmaschine aufzog, strömte der widerliche Geruch von totem, verwesendem Fleisch in den Raum“, was so drastisch beginnt, entpuppt sich bald als humorvoller und anrührender Krimi in bester ‚Who done it?‘ Tradition. Doch wer es war und welche Umstände zur Folge hatten, dass ein Hund ein Bad in der Waschmaschine nahm, das lässt „Kamillenstraße Nr. 13 oder warum Robert ein Bad in der Waschmaschine nahm“ zunächst offen. Mit dem Ausruf: „Das ist Roberts Mörder!“, endet der erzählende Text. Die Auflösung des kleinen Cliffhangers bringt Anneke Maurer in Form eines Zeitungsartikels in dem ausführlich über den Fall des „kriminellen Zwillingsbruders“ berichtet wird – wer mehr wissen will: muss lesen!

…und weitere 17 spannende Kurzkrimis!

 

Vergeltung

von Lea Hartmanns, 18 Jahre, Osterholz-Scharmbeck – 1. Platz

Sie stehen sich gegenüber. So nahe, dass sie seinen Schweiß riechen kann und er ihre Angst. Das Herz hüpft in ihrer Brust auf und ab, flattert wie ein verirrter Vogel auf der Suche nach Freiheit. Ihr Leib bebt. Ihr Innenleben, all das, woran sie jahrelang geglaubt hat, ist in seinen Grundfesten erschüttert. Ihr Körper ein Seismograph, der spürt, dass die Welt, so wie sie war, in wenigen Augenblicken aus den Fugen gerissen wird.
Er blickt höhnisch auf sie herab. »Das wagst du nicht.«
Unbändiger Hass lodert in ihr auf und doch hat sie furchtbare Angst. Sie würde im Moment alles dafür geben, ihn sterben zu sehen und möchte gleichzeitig nichts lieber, als von hier zu verschwinden.
Sie verstärkt den Griff um die Pistole und richtet die Mündung auf ihn.
Es gibt so vieles, das sie in ihrem Leben bereut hat und für immer bereuen wird. Könnte sie all die Geschehnisse rückgängig machen, würde sie vermutlich die vielen Lügen aufdecken, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten und sich schließlich miteinander verbanden, um zu einem abstrusen Geflecht ohne Ausweg zu werden.
Angefangen hatte es, wie alle großen Probleme praktisch immer entstehen, mit Kleinigkei-ten.
Dies wäre ihre letzte Zigarette. Ganz bestimmt. Sie belog nicht nur ihren Ehemann, sie belog auch sich selbst. Kaum hatte Hannah sie mit ihren großen blauen Kindesaugen angesehen, zog es sie vor die Krankenhaustür der Geburtsklinik hin zur Raucherecke. Die Enttäuschung ihres Mannes konnte sie in seinen Augen ablesen, als er sie tags darauf erneut in der Raucherecke antraf. Doch seine Freude über das Neugeborene, ihr erstes Kind, war zu groß, als dass er einen Streit vom Zaun gebrochen hätte. Er missbilligte ihre Entscheidung und sie schämte sich dafür. Das Rauchen war ihre erste Sünde, es sollten weitere folgen.
Mit jedem Zentimeter den Hannah wuchs, wurde auch der Spalt zwischen ihr und ihrem Mann größer. Er wollte, dass Hannah behütet aufwuchs, unter dem Fittich ihrer liebenden Eltern. Zu behütet, befand sie. Hannah müsse die Welt entdecken, frei atmen können, aus ihren eigenen Fehlern lernen. Ihr Mann sah die Gefahren, sie die Freuden, die das Leben mit sich brachte. Als der Spalt zwischen ihnen bereits zu einer wahren Kluft geworden war, geschah das Wunder. Sie wurde erneut schwanger!
Mit dem Kind wuchs die Hoffnung und die Freude vereinte sie erneut. Für eine Weile ritt sie auf der Welle der Glücksgefühle, bis der Absturz kam und sie der Ozean der Trauer verschlang.
Das Kind hatte nie gelebt. Sie erlitt eine Fehlgeburt.
Sie hatte ihrem Mann nicht in die Augen sehen können. Aus einem unerklärlichen Grund fühlte sie sich für den Tod des Kindes verantwortlich. Sie stieß ihn zurück, als er sie trösten wollte, nicht imstande Tränen zu vergießen und zu trauern.
Stattdessen flüchtete sie sich in die Arme eines anderen. Die eigene Welt war ihr so surreal, so unbarmherzig vorgekommen, dass sie eine neue Realität brauchte. Es dauerte nicht lange, da erfuhr ihr Ehemann von ihrem Seitensprung. Anstatt sie anzuschreien hatte er ihr gezeigt, wie sehr sie ihn verletzt hatte.
Sie wachte allmählich auf, versuchte zu retten, was noch zu retten war, doch die Wunden waren zu groß, als dass sie sie hätte schließen können. Von da an koexistierten sie nur noch. Hielten es miteinander aus, um Hannahs Willen. Sie fühlte sich schuldig, wenn sie ihn ansah und erkannte, dass seine Enttäuschung über sie größer war, als die Liebe, die sie einst verband. Vergangenes Jahr hatte er ihr schließlich mitgeteilt, dass er ausziehen und mit einer anderen Frau zusammenleben würde. Sie hatte seine Entscheidung widerstandslos akzeptiert.
Später bereute sie, ihm nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Trotz alledem hatte sie ihn noch immer geliebt.
Sie teilten sich das Sorgerecht. Mal wohnte Hannah bei ihrer Mutter, mal bei ihrem Vater. Die Trennung von ihrem Mann war das Ende ihrer langjährigen Beziehung, doch der Anfang einer noch viel Innigeren zwischen ihr und Hannah. Sie erkannte, dass vor allem Hannah unter der Scheidung gelitten hatte und beschloss, die Dinge, soweit es ging, gerade zu rücken. Hannah, mittlerweile fünf Jahre alt, war ein liebreizendes Kind, dennoch hatte es eine Weile gedauert, bis sie ihr Vertrauen zurückerobern konnte. Ihre Tochter litt unter Bindungsängsten, die sich zweifellos auf die schwierigen Jahre der Scheidung zurückführen ließen.
Sie stellte ihren Job an zweite und ihre Tochter an erste Stelle und arbeitete von nun an Teilzeit. Ihre Beziehung zu Hannah besserte sich, oft machten sie zusammen kleine Ausflüge in den nahegelegenen Zoo oder in den kleinen Stadtpark. Mit ihrem Exmann unterhielt sie sich lediglich über das Telefon, und das war gut so. Es half ihr, die Scheidung besser zu verkraften und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ihre Tochter.
Bald war Hannah sechs Jahre alt und die Einschulung stand bevor. Dort stand sie ihrem früheren Ehemann erstmals wieder gegenüber. An seiner Seite seine neue Frau. Die beiden sahen glücklich aus und sie stellte zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass es ihr kaum etwas ausmachte. Hannah hatte die Leere gefüllt, die ihr Ehemann hinterlassen hatte. Sie gratulierte den beiden und entschuldigte sich, ihrer Hochzeitseinladung nicht gefolgt zu sein. Damals hatte sie es nicht über sich bringen können. Die Dinge entwickelten sich allmählich zum Besseren. Da Hannah nun die Schule besuchte, nahm sie die alte Vollzeitbeschäftigung wieder auf. Die anstrengende Arbeit machte sie müde, aber glücklich. Nicht selten schlief sie abends auf dem Sofa ein.
Hannah gewann an Selbstbewusstsein. Manchmal wurde sie zu frech und sie stritten sich, doch nie ging es um etwas Ernstes. Sie verstand sich mit den anderen Kindern und Elizabeth, ein Mädchen aus der Parallelklasse, die nur wenige Straßen entfernt wohnte, wurde ihre beste Freundin.
Elizabeths Vater war ebenfalls alleinstehend und sie kamen sich über ihre Töchter ein wenig näher. Schließlich lud er sie zu einem gemeinsamen Abendessen ein und wenig später fand sie sich in seinem Bett wieder. Er war charmant und unkompliziert. Obwohl sie angenommen hatte, sie wäre mittlerweile viel zu alt dafür, flatterten Schmetterlinge in ihrem Bauch und für eine Weile schien es, als wäre ihr Leben perfekt.
Dann passierte es.
Hannah und sie hatten sich gestritten. Sie erinnerte sich nicht an den genauen Wortlaut, lediglich, dass es um eine Banalität wie die Ordnung ihres Zimmers ging. Tags zuvor hatte Hannah mit Elizabeth gespielt und nun waren Barbies, Kuscheltiere und dergleichen quer übers Zimmer verstreut und verhinderten jegliches Durchkommen. Hannah stellte sich quer, sie selbst war müde von der Arbeit und die Zankerei endete in Gebrüll ihrerseits und Ge-heule ihrer Tochter andererseits. Die Nerven lagen auch am nächsten Tag noch blank. Sie wollte sich entschuldigen, sie hätte nicht so weit gehen dürfen, doch Hannah verschloss die Ohren und sie erkannte, dass kein Durchkommen mehr war. Sich gegenseitig anschweigend fuhren sie zur Schule und sie beschloss, sich nachher in Ruhe mit ihr auszusprechen.
Sie kam zu spät ins Büro. Ihr Chef machte einen Riesenaufstand. Sie hätte soeben eine wichtige Besprechung verpasst. Der Deal mit einem Kunden war geplatzt und offensichtlich musste sie nun als Sündenbock hinhalten. Ihr Chef, puterrot und geifernd wie eine Bull-dogge, hielt eine minutenlange Tirade, bei der sie auf Durchzug stellte, dann ließ er sich vollkommen erschöpft in seinen Sessel fallen und wischte sich über die schweißnasse Stirn.
Beinahe apathisch wühlte sie sich den Rest des Tages durch den Berg an Arbeit, und erst, als die große Standuhr schon den Nachmittag einläutete, fiel ihr siedend heiß ein, dass Hannah auf sie wartete. Ihre Tochter hatte schon seit über einer halben Stunde Schulschluss und stand nun auf dem Parkplatz, von wo aus sie normalerweise zusammen nachhause fuhren.
Sie schnappte sich ihren Mantel, der über der Stuhllehne hing und stürzte nach draußen.
Als sie an der Schule ankam war der Parkplatz wie leergefegt. Die Schaukel, Hannahs Lieblingsplatz, schwang quietschend im aufkommenden Wind hin und her, aber auch dort: Keine Hannah.
Sie kam zu dem Schluss, dass Hannah den Nachhauseweg zu Fuß angetreten haben musste. Im raschen Tempo schritt sie den Weg entlang, eilte, mit flatterndem Mantel, bis sie vor ihrem Haus stand. Und wieder: Keine Hannah weit und breit.
Ein unruhiges Gefühl erfasste sie. Mit bebenden Händen rief sie Hannahs Vater an. Der ahnte schlimmes, als er von Hannahs Verschwinden erfuhr und telefonierte sämtliche Freunde in ihrer Telefonliste ab, fragte, ob jemand etwas von ihrer Tochter gehört habe.
Um 20:00 Uhr alarmierten sie die Polizei. Hannah tauchte weder am nächsten, noch am übernächsten Tag auf. Auch die Tage darauf, noch immer keine Spur von ihr. Ihr Exmann machte sie mittlerweile für ihr Verschwinden verantwortlich.
Sie habe zugelassen, dass Hannah den Weg nach Hause alleine antrat. Sie allein war schuld. Sie, die ihrer Tochter zu viel Freiraum ließ. Sie, die nicht einen Funken Ahnung von Erziehung besaß.
Die Vorwürfe prasselten auf sie hinunter wie ein Hagelschauer und ließen sie frierend zu-rück. Das Schlimmste war jedoch, dass sie seine Anschuldigungen nicht guten Gewissens an sich abprallen lassen konnte. Sie selbst erstickte beinahe an der Last der Schuld.
Wäre sie nur nicht so gereizt am Abend zuvor gewesen, Hannah hätte auf sie gewartet, statt alleine loszugehen. Wäre sie nur früher losgefahren.
Wäre sie …

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